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Honey journeys by Johannes Gruber - Part 2: Steiermark

Aquilin Moser – Rohrbach an der Lafnitz. A portrait by Johannes Gruber.

 

PS: Weitere Imkergeschichten und lesenswertes zum Thema Honig finden Sie auch im Buch von Johannes Gruber: http://www.loewenzahn.at/page.cfm?vpath=buchdetails&titnr=2611

 

Aquilin Moser, 72. Dem leidenschaftlichen Jäger und Imker die genaue Anzahl seiner Bienenstöcke entlocken zu wollen, ist ein sinnloses Unterfangen. Auf die Frage, wieviele Bienenstöcke er sein eigen nennt, antwortet er in breitem oststeirischen Dialakt: „Woas i nied!“ Das heißt, ungefähr weiß er es schon, aber halt nicht genau. Aber dafür weiß er, wo sie stehen. Er hat eine Landkarte in seinem Büro angebracht und darauf mit Reißnägeln seine Bienenstände markiert. Insgesamt etwa 40 Standplätze, inklusive aller Wanderstände für den Sommer!

Die Bienenhütte des Onkels, der in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg  schon ein großer Imker war, war für den im Jahre 1947 geborenen Oststeirer der erste Schauplatz seiner imkerlichen Tätigkeit. Strohkörbe standen darinnen und auch sogenannte „Hinterbehandler“  -  Bienenkisten die von hinten geöffnet werden konnten.  Nach dem Tod seines Onkels im Krieg erbte Aquilins Vater die Landwirtschaft samt Bienenhaus. Um die Bienen kümmerte er sich allerdings nicht. „Es war eine wilde Aktion“, erinnert sich Aquilin. „Die Bienen sind gekommen und wieder abgeschwärmt. Und ich, als kleiner Bub, habe begonnen dort herumzuwerken.  Bald waren nur noch wenige Völker da. Die meisten waren abgeschwärmt oder gestorben.

 

Einer der Nachbarn, der Kandlhofer, war Imker und sollte Aquilins erster Lehrmeister werden. Bei ihm verbrachte er viel Zeit, fing Schwärme und quartierte sie in Kisten ein. Im Sommer wanderte der Kandlhofer alljährlich mit seinen 150 Bienenvölkern ins Wechselgebiet. Der Nachbar hatte in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts bereits einen Traktor, einen grauen Ferguson 135. Die Bienenstöcke verluden die beiden auf einen Anhänger und brachten sie in einer mehrstündigen nächtlichen Fahrt auf den Berg. Oben angelangt, wurden sie abgestellt und blieben für die Dauer der Waldtracht. Mit einer blauen Puch 125 hielten sie alle paar Tage Nachschau und der Nachbar zeigte dem Jungimker auch die Honigtauerzeuger, die den Rohstoff für den Waldhonig lieferten. Am Wanderplatz schleuderte der Kandlhofer den Honig, füllte ihn in Milchkannen, die er seitlich auf dem Moped hängend talwärts beförderte.  „Er ist die ganze Zeit mit dem Motorrad unterwegs gewesen und hat geschaut, wo es honigt. Und wo es soweit war, ist er dann mit den Bienen hingefahren. Es ist nie auf die gleichen Standorte gefahren, er war immer woanders“, erinnert sich Aquilin Moser. Den Honig hat er hauptsächlich im Gasthaus Kohl in Eichberg verkauft. Dort waren immer viele Sommergäste, vor allem aus Wien.

 

Bald begann Aquilin sich auch für die wirtschaftlichen Aspekte der Bienenwirtschaft zu interessieren  und fragte den Nachbarn in einer ruhigen Minute, was denn herausschaue bei der vielen Arbeit.  Die Antwort Kandlhofers bot wenig Anlass zu Optimismus: „Vül nied, owa mir kinnan am Sunntog ban  Kohl in Eichberg a Beischl essn und a Ochtl Wein trinkan. Vül mea is do nied drinnan.“ Kurz zweifelte der junge Imker an seiner Tätigkeit. Ob denn ein wöchtliches Beuschl und ein Glas Wein ausreichend für seine Zukunft seien?

  

Den Kandlhofer ereilte einige Jahre später ein trauriges Imkerschicksal: Er stürzte – wahrscheinlich beim Schwarmfangen - von einem Kirschbaum und erlag seinen Verletzungen.  Wenig später begann Aquilin Moser eine Lehre als Schmied und Landmaschinenschlosser bei einem Onkel in Mönichwald. Und dieser hatte wieder Bienen. Von den insgesamt vier Lehrlingen war Aquilin  der einzige, der sich für die Imkerei interessierte. Die Honigeinnahmen seines Onkels dürften nicht gering gewesen sein, da seine Frau mit dem Honiggeld für den Unterhalt der Lehrlinge zu sorgen hatte und die Lebensmittel einkaufte. Dieser Onkel war es auch, der Aquilin von den Vorteilen  moderner Bienenbehausungen  überzeugte. Sie waren wesentlich effizienter als die altgedienten Strohkörbe.

An den Wochenenden seiner Lehrzeit versorgte der junge Imker seine eigenen acht bis zehn Bienenvölker und erklärt seine damalige Betriebsweise: „ In die Strohkörbe habe ich immer einen Schwarm gegeben. Die Körbe hatten eine Art Bodenbrett, in dem  ein Flugloch eingeschnitten war. Mit einem eigenen Meissl, einer Art abgewinkeltem Messer, haben wir die Honigwaben aus den Körben geschnitten. Den Honig haben wir im Frühjahr entnommen. Gefüttert wurde nicht, Zucker war zu teuer. Der Honig war immer hinten im Korb. Die Bienen sind vorne gesessen. Wir haben den Honig rausgeschnitten und dann den ganzen Korb umgedreht. Die Bienen haben vorne wieder Wabenbau gemacht und bebrütet und den Honig nach hinten getragen.  Ab und zu sind Schwärme von selbst gekommen, es war alles offen. Die ausgeschnittenen Honigwaben hat meine Mutter auf dem Feuer über einem Wasserbad ausgekocht. Das Wachs war oben und unten war der Honig. Darunter war der Topf mit dem Wasser.“

 

Der Beginn seiner Berufstätigkeit zwang Aquilin Moser eine Dienstwohnung  im obersteirischen Bruck an der Mur zu beziehen. Und das nur wenige Jahre nachdem er ein Wohnhaus im ost-steirischen Rohrbach an der Lafnitz gebaut hatte. Die Bienen nahm er kurzerhand mit. Es kam häufig vor, dass Harz und Propolis unter den Fingernägeln des jungen Baukaufmanns verrieten, dass er seine Dienstreise wieder einmal so geplant hatte, dass er vor allem seine Bienen besuchen konnte. Ganze 38 Jahre stand er im Dienst einer großen Baufirma.

 

Die Pensionierung war dann der Startschuss ins richtige Leben als Erwerbsimker: „Ich hatte einfach zu viel Zeit“, erinnert er sich. Der Imker erweitert die Zahl seiner Völker und kaufte sich einen Kran-wagen, der die Wanderung mit den Bienen beträchtlich erleichterte. In den ruhigeren Winter-monaten baute der gelernte Maschinenschlosser sämtliche Arbeitsgeräte wie Honigschleuder und Wachsschmelzer aus Edelstahl in Eigenregie.

 

Seine Bienenstellplätze für die Überwinterung verteilen sich auf das Stremtal im Südburgenland und auf das Lafnitztal im Grenzgebiet zwischen Steiermark und Burgenland. „Das Stremtal bietet hauptsächlich die Bachweiden, später die Akazie und anschließend noch Honigtau von der Eiche. Im Herbst fliegen die Bienen auf die Herbstzeitlosen. Zwischendurch wandere ich mit den Bienen auf den Berg“, erzählt der Imker. Als einer der Ersten hat er die imkerlichen Vorzüge der Auwälder entlang der Lafnitz erkannt.  Bachweiden und vor allem der Faulbaum, eine wichtige Nektarquelle für den würzigen Frühlingshonig aus der Au, sowie Wildkirschen ermöglichen den Bienen eine günstige Frühlingsentwicklung. Im Herbst verlängern Springkraut und Goldrute die Bienensaison. Eine Auffütterung mit Zuckerwasser erübrigt sich. Die Pollenvielfalt der Aulandschaft hält die Bienen bei guter Gesundheit. Aquilins wichtigste Wanderplätze liegen im Joglland, im Gebiet des Hochwechsels sowie in den Fischbacher Alpen. Ab Mai blüht dort erst der Löwenzahn, dann folgt der Bergahorn und gleich darauf setzt die Honigtauerzeugung in den Nadelwäldern ein. Den begehrten Waldhonig erntet der Wanderimker in vielen Varianten vom malzigen Fichtenhonig bis zum würzigen Tannenhonig aus über 1.000 m Seehöhe.

 

Neophyten wie Goldrute und Springkraut verteidigt er leidenschaftlich. Nicht nur, dass diese Spätblüher seinen Bienen interessante Abwechslung auf den Speiseplan bringen. Er hat daneben  noch ein ganz besonderes Interesse an diesen zugewanderten Pflanzen: „Es tut mir am meisten weh, wenn die Naturschützer das alles niedermähen. Sie glauben, sie müssen das wegräumen, weil Goldrute und Springkraut die einheimische Flora verdrängt.  Ansonsten wachsen halt die ein-heimischen Brennnesseln. Und die hasse ich am meisten. Ich arbeite nämlich immer mit kurzer Hose und nacktem Oberkörper bei den Bienen.  Und die Brennnesseln verbrennen mir die Wadeln.“

 

Dass seine spärliche Arbeitskleidung immer wieder die Aufmerksamkeit von Passanten erregt, unterstreicht der Imker mit folgender Anekdote:  „Es war in den Lafnitzauen. Ich habe gerade bei den Bienen gearbeitet. Ein Bauer ist mehrfach mit dem Traktor vorbeigefahren. Und einmal ist er stehengeblieben. Er ist herübergekommen und hat gesagt. „Ich schau dir schon die ganze Zeit zu, wie du da arbeitest und ich verstehe das nicht, dass dir die Bienen nichts tun. Wir müssen unsere Tochter, die auch Imkerin ist, immer einbinden. Sie zieht sich Handschuhe an, die Füße müssen wir ihr zubinden, die Ärmel mit Klebebändern abkleben und sie schwitzt so viel da drinnen. So geht sie zu den Bienen, sonst bringen sie sie um. Und du arbeitest hier nackt?“ „Weißt du was?  Die Bienen kennen mich. Weil, wenn sie mich stechen täten, wären sie tot. Sie wissen genau, dass sie mich nicht stechen dürfen.“  Darauf der Bauer: „ Du redest einen Blödsinn!“  Da sticht ihn auf einmal  eine Biene mitten am Schädel und ich sag zu ihm: „Siehst du, dich kennen sie eben nicht!“ 

Seit Jahrzehnten ist Aquilin Moser ein erfolgreicher Königinnenzüchter. Seine Zuchtphilosophie umreißt der Bio-Imker wie folgt:  „Mir geht es bei der Biene darum, dass sie mich nicht sticht. Das ist das oberste Gebot. Ich mag keine Bienen, die zwider san. Und gesund  müssen sie sein, dass ist das nächste. Keine Krankheit haben. Die Bienen, die mit der Varroa ab besten zurechtkommen sind auch die schönsten Völker. Ich bin auch der Meinung, dass die Völker, die viel Propolis machen gesünder sind. Und auch resistenter gegen Viren.“  Zu diesem Zwecke macht er seit Jahrzehnten Auslese aus seinem Bestand und hat dafür ein bestechend einfaches System: „Ein Volk, dass gut überwintert, kriegt einen Reißnagel. Ist die Frühjahrsentwicklung gut, wieder ein Reißnagel. Wenn sie nicht Schwärmen, kriegen sie auch einen Reißnagel. Wenn sie viel Honig machen, kriegen sie einen Reißnagel. Wenn sie nicht stechen, kriegen sie einen Reißnagel. Wenn sie bei Schlechtwetter nicht grantig sind, kriegen sie einen Reißnagel. Und dann im Herbst stelle ich die Völker mit vielen Reißnägeln auf einen Stand zusammen. Und da schaue ich, welche überleben im Winter am besten mit der Varroa. Und die besten nehme ich mit nach Hause und mit denen mache ich die Vermehrung. Keine Wissenschaft. Ich bin kein Züchter. Ich bin nur Vermehrer. Und ich denke, dass ich durch die Auslese aus vielen Völkern bessere Ergebnisse habe als jemand, der nur 30 Völker hat und ein bekannter Vereinszüchter ist.“

Sohn Thomas hilft viel bei den Bienen. Und auch meine Schwiegertochter Claudia. Beide haben die Facharbeiterausbildung für Imkerei mit Auszeichnung absolviert. Der Altimker dazu: „Ich hätte natürlich gerne, dass mein Sohn das Ganze übernimmt. Aber er hat seinen Beruf. Ich möchte ihn nicht hineindrücken in die ganzen Sachen. Weil, das Geld verdient er sich so leichter. Freizeit habe ich nie gehabt. Ich bin auch ein schlechter Lehrmeister. Wenn ich bei den Bienen arbeite, rede ich nichts. Ich kann nicht arbeiten und reden. Wenn mein Sohn dabei ist, arbeiten wir normalerweise so, das er von einem Ende des Standes beginnt und ich vom anderen. Jeder getrennt. Bei der Schwarmkontrolle schwärmen dann meistens die Völker, die er bearbeitet hat.….“, kann sich der Aquilin eine Spitze dann doch nicht verbeißen.

 Und der Honig? Honig isst der Imker jeden Tag  in der Früh. Sein Lieblingsfrühstück: „Bauernbrot mit  Butter drauf und Honig sowie ein hantiger Kaffee.  Sind seine drei Enkeltöchter zu Besuch, verlangen sie stets Opas Frühstück: Butterbrot mit Honig, mundgerecht vorgeschnitten, allerdings ohne bitteren Kaffee. Und Aquilin Moser wäre ein schlechter Jäger, hätte er nicht auch zum Thema Honigkonsum eine Anekdote parat: Vor Jahren war ich mit den Bienen in der Alpenrose. Der zuständige Revierförster ist vorbeigekommen und hat gesagt, er hätte gerne so einen Wabenhonig. Da habe ich ihm eine volle Wabe gegeben mit etwa 2 kg. Und er hat sich auf einen Bienenstock gesetzt und die ganze Wabe aufgegessen. Mit Putz und Stingl aufgegessen. Und dann hat er gesagt, eine hätte ich noch gerne für zuhause.“

 Wieso es die Bienen waren, die ihn sein ganzes bisheriges Leben begleitet haben? „ Als Bub habe ich alles gehabt: Ziegen, Schafe, Hasen, Bienen. Nein, keine Hühner. Für die Ziegen und Schafe musste ich immer Laub aus dem Wald hacken und für den Winter trocknen. Die Bienen sind übrig geblieben, weil ich immer gerne Honig gegessen habe und weil sie weniger Arbeit gebraucht haben als die Schafe und Ziegen.“ 

 Was er noch vor hat in seinem Imkerleben? Vielleicht ein Motorrad kaufen und in der Gegend herumfahren und schauen, wo es honigt. Ganz so, wie sein erster Lehrmeister, der Kandlhofer.

 Zum Abschied noch eine Geschichte vom Schwarmfang:  „Ich bin einmal zu einem Imker gekommen, der hat ein Fernglas auf einem Bienenstock liegen gehabt. Ich habe ihn gefragt, was er damit macht. Er hat gesagt, damit schaut er den Schwarm an, der da oben hängt.  Eine Fichte, gewaltig hoch. Und ganz oben der Schwarm. Wenn ich irgendwo einen Schwarm gesehen habe, habe ich ihn immer haben müssen. Da habe ich ihn gefragt: Kann ich ihn haben, wenn ich ihn runterhole ? Hat er gesagt ja, kannst du haben. Und ich nehme ein Schwarmkistl und wie ich oben war, habe ich den Schwarm in die Kiste gegeben. Und dann ist mir das Kistl ausgekommen. Da haben mich schon viele gestochen. Das Kistl ist durch den ganzen Baum von Ast zu Ast runtergerupelt. Wie es unten war, war keine Biene mehr drinnen. Die ganzen Bienen waren auf die Äste der Fichte verteilt, von oben bis unten. Und ich musste ja auch runter. Jeder Griff war einer in die Bienen hinein. Da haben sie mich ordentlich gestochen. Als ich heimgekommen bin, musste ich mich hinlegen. Ich habe Schüttelfrost bekommen von den vielen Bienenstichen.  Und einen Nesselausschlag.  Ich bin nicht zu einem Arzt gegangen,  es war halt eine Abhärtung. Da war ich noch jung.“    

 

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